Vedic Chanting oder Vedic Adhyayana ist das Rezitieren eines überlieferten Textes wie es vom Guru oder Lehrer erlernt wird. Weil es viele Niyamas (Regeln des Verhaltens im Alltag) zu beachten gibt, ist es in Indien auch heute noch Brauch, Vedic Chanting direkt vom Lehrer zu lernen. Der Schüler sitzt seinem Lehrer gegenüber, hört zu, was der Lehrer rezitiert, und wiederholt es dann. Der Schüler wird solange vom Lehrer korrigiert, bis der Schüler in seiner Aussprache keinen Fehler mehr hat.
Die mündliche Überlieferung war in früheren Zeiten die einzige Methode Wissen weiterzugeben. Nichts wurde schriftlich festgehalten. Die Menschen behielten die Texte im Gedächtnis und der Lehrer gab das Wissen aus den Texten wörtlich in Verbindung mit der dazugehörenden Melodie weiter. Das laute Aussprechen eines Textes in Verbindung mit der dazugehörenden Melodie ist ein wesentlicher Bestandteil beim Studium der überlieferten Texte. Die Melodie unterstützt das Gedächtnis. Wir können uns ein Lied leichter auswendig merken als ein Gedicht. Außerdem gibt es in Indien die Idee von nama rupa: vor jeder materiellen Erscheinungen war und ist nur der Name, das Wort oder die Idee da. Daraus entstand dann die Materie durch Bewegung, Schwingung also Klang. Lesen oder Wissen allein genügt nicht, das Wort muss laut ausgesprochen werden, um seine Wirkung zu entfalten. Wenn man wegen einer Krankheit ein Mantra rezitiert, muss man es oft und auch laut wiederholen, damit die heilende Wirkung sich entfalten kann.
Das Zuhören und genaue Wiederholen dessen, was der Lehrer vorgibt, ist für den Schüler auch eine Übung genau zuzuhören und es ist ein Weg sich mit dem Lehrer zu verbinden, nicht auf intellektueller Ebene, sondern mit dem, was hinter dem Intellekt steht. Der Schüler geht durch den Lehrer eine Verbindung mit der Tradition ein, aus der der Lehrer kommt. Dies ist nicht nur gegründet auf Wissen und den Klang der Texte, sondern auf eine innere Verbindung. Das ist das besondere am Vedic Chanting, das den Schüler tief berühren kann.

